{"id":1827,"date":"2011-01-03T10:56:55","date_gmt":"2011-01-03T09:56:55","guid":{"rendered":"http:\/\/gehirnsturm.info\/?p=1827"},"modified":"2012-04-21T13:27:53","modified_gmt":"2012-04-21T11:27:53","slug":"ueber-die-notwendigkeit-ein-buch-noch-zu-ende-zu-lesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/gehirnsturm.info\/?p=1827","title":{"rendered":"\u00dcber die Notwendigkeit ein Buch noch zu Ende zu lesen"},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze am Fr\u00fchst\u00fcckstisch und dann kommt da ein zerknittertes \u201eEtwas\u201c rein und verk\u00fcndet:<br \/>\n\u201eIch bin nicht ansprechbar, bis ich eine Tasse Kaffee getrunken habe. Ich <strong>musste<\/strong> gestern noch das Buch zu Ende lesen.\u201c<br \/>\nDa rotierte mein Gehirn, so das dort ein Gedankensturm entstand. Wer kennt es nicht, das man zwanghaft noch eine Seite und noch eine Seite lesen muss? Und ehe man sich versieht hat man das Buch durchgelesen und f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag bekommt man viel zu wenig Schlaf ab.<br \/>\nAls Kind hat der damalige Pfaffe uns im Religionsunterricht eine Geschichte erz\u00e4hlt von einem Jungen, der nicht in die Kirche gehen wollte. Der Junge h\u00f6rte dann die Glocken, die Ihn riefen. Jeder schlag der Glocken rief \u201eKOMM\u201c \u201eKOMM\u201c \u201eKOMM\u201c. Er versuchte davor wegzulaufen, aber die Glocken riefen immer lauter \u201eKOMM\u201c \u201eKOMM\u201c \u201eKOMM\u201c. An diesen Psychoterror des Pfaffen muss ich noch heute denken, wenn ich Kirchenglocken h\u00f6re.<br \/>\nAber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ebenso, wie in dieser Geschichte die Glocken \u201eKOMM\u201c riefen, fl\u00fcstern die Buchstaben in den B\u00fcchern immer \u201eLIES\u201c \u201eLIES\u201c \u201eLIES\u201c.<br \/>\nDas bedeutet, es ist eigentlich nicht unsere eigene Entscheidung, ein Buch unbedingt noch zu Ende zu lesen. Wieso auch. Wir sind doch viel zu vern\u00fcnftig, als das wir uns einen ganzen Tag durch zu wenig Schlaf versauen wollen.<br \/>\nNun, fr\u00fcher gab es viel mehr Freiraum f\u00fcr die Buchstaben. Nur eine begrenzte Anzahl von Menschen wusste \u00fcberhaupt etwas mit Buchstaben anzufangen. So ergingen sich die Buchstaben zum Teil in einer gewisse Dekadenz und lie\u00dfen sich von sogenannten Kopierern in Klostern in ein Meer von Verzierungen betten. So hatte solch ein Buchstabe manchmal Jahrhunderte Zeit, bis er mal wieder gelesen wurde oder f\u00fcr ein Text gebraucht wurde.<br \/>\nWie sieht es jetzt aus?<br \/>\nB\u00fccher sind Massenware, Zeitungen haben eine Halbwertszeit von einem Tag, mit Gl\u00fcck ein paar Tage l\u00e4nger. Magazine von einer Woche bis zu einem Monat, evtl. wird dann noch mal sp\u00e4ter was nachgeschaut; i-Pod, Internet, SMS usw. Zum Teil mit einer Halbwertszeit von Minuten. Der Bedarf an Buchstaben ist enorm gestiegen. Das allein ist eigentlich kein Problem. Es w\u00e4ren genug Buchstaben da, um allen Menschen das gem\u00fctliche Lesen zu erm\u00f6glichen. Aber mit der Vielf\u00e4ltigkeit der Medien, die Buchstaben ben\u00f6tigen ist das Kontingent der Buchstaben an seine Grenzen gesto\u00dfen. Besonders der tempor\u00e4re Bedarf ist zu einem Problem geworden.<br \/>\nAls die Zeitungen aufkamen mussten die Buchstaben pl\u00f6tzlich mehr tun. Wie war das davor, sozusagen vor der Erfindung des Buchdrucks? B\u00fccher und Schriften waren eigentlich etwas sehr langfristiges. Neuigkeiten und Nachrichten haben Herolde m\u00fcndlich verk\u00fcndet und B\u00e4nkels\u00e4nger oder Gaukler\/Narren haben Gesellschaftliches und Kommentare in Strophen und Geschichten gebettet und so in die Welt getragen. Dann kam der Buchdruck. Mitteilungen und Nachrichten wurden nun in Aush\u00e4ngen verbreitet. Immer mehr Schichten der Bev\u00f6lkerung lernte das Lesen. Bald kamen die ersten Zeitungen. Man kann sagen, das mit der Erfindung des Buchdrucks die Buchstaben den ersten Strukturwandel vom Lebensjob in einem Buch zum Tagel\u00f6hner und Saisonarbeiter auf Reisen wurde. Immer mehr Buchstaben wurden nur f\u00fcr kurze Zeit ben\u00f6tigt. Ein Aushang oder Zeitung war nach wenigen Tagen nur noch Abfall und nicht mehr von Interesse. Aber es war auch die Zeit der Klassenunterschiede. W\u00e4hrend die Buchstaben der Handkopierer sich noch gem\u00fctlich und sicher in den alten Bibliotheken der Kloster f\u00fchlten, sind die noch nicht benutzten Buchstaben in die neue Welt der Hektik und Kurzlebigkeit geworfen worden. \u00c4hnlich wie es Menschen in Traditionsgegenden gegangen ist. War es fr\u00fcher z.B. im Ruhrgebiet klar Vater war Bergmann, Gro\u00dfvater war Bergmann und der Sohn wird auch Bergmann, zeugen heute nur noch die alten F\u00f6rdert\u00fcrme von der einstigen Best\u00e4ndigkeit. Aber selbst dieses Leben war f\u00fcr die Buchstaben noch recht beschaulich. Wurden sie in einer Zeitung nicht mehr gebraucht, dann stellten sie sich wieder hinten an, im gro\u00dfen Pulk der freien Buchstaben. Selbst mit moderner Drucktechnik und immer mehr Zeitungen \u00e4nderte sich nur ein wenig der Nutzungsintervall der Buchstaben. H\u00f6chstens mal, das murren des einen oder anderen Buchstaben, weil er sich z.B. zu gut f\u00fcr die sogenannte Yellowpress hielt, die mit der Verbreitung von Zeitungen und der Lesef\u00e4higkeit der Bev\u00f6lkerung in den H\u00e4usern und Friseurl\u00e4den Einzug hielt.<br \/>\nDann aber ein weiterer Quantensprung f\u00fcr die Buchstaben, die elektrischen Medien. Angefangen mit dem fr\u00fchen BTX, die elektronische Variante der Text\u00fcbermittlung, \u00fcber Teletext im Fernsehen bis zum Internet. Das Ganze seit j\u00fcngster Zeit mit i-Pod und e-Book in eine weitere neue Dimension geworfen.<br \/>\nAber es ist nicht die Zahl der Ger\u00e4te oder Texte, die das Problem mit sich bringen. Nein es ist die Hektik des Zugriffes, entstanden durch diese neuen Dimension der Textnutzung.<br \/>\nWie war es noch fr\u00fcher?<br \/>\nMorgens wurde die Zeitung gelesen, ganz genaue nahmen diese dann noch mit ins B\u00fcro, um sich mit den tagesaktuellen Informationen (B\u00f6rse, etc.) zu r\u00fcsten. Tags dann Fachlekt\u00fcre und Korrespondenzen die gelesen werden musste oder selbst verfasst wurde. Abends dann noch ein Buch oder schnell was geschrieben. Alles in allem f\u00fcr so einen Buchstaben noch recht beschaulich.<br \/>\nWelche Anforderungen sind die Buchstaben heute so ausgesetzt?<br \/>\nNeben den Printmedien, sind da vor allem die elektronischen Medien, die immer mehr Einzug in das Leben der Menschen h\u00e4lt. Dadurch haben sich aber auch die Gewohnheiten der Menschen ge\u00e4ndert. Wir sind ein Volk der Speicherer geworden. Schon mit der M\u00f6glichkeit die Musik digital auf eine Festplatte zu bannen sind auf vielen PCs inzwischen Musiksammlungen entstanden, die allein vom Zeitaufwand, all diese Musik zu h\u00f6ren in keinster weise im Verh\u00e4ltnis zur Zeit des Nutzers stehen. H\u00f6rt man irgendwo ein Lied, das einem gef\u00e4llt, so ist es nur oft ein Klick, das gesamte Album auf die eigene Festplatte zu bannen. Neuerdings geschieht selbiges mit Texten. Sieht man was interessantes im sogenannten <b>W<\/b>elt<b>W<\/b>eiten<b>W<\/b>eb, so speichert man es sich ab. \u201eMan k\u00f6nnte es ja mal gebrauchen\u201c oder \u201eDas lese ich mir dann in Ruhe noch mal durch\u201c. Erinnert man sich noch, wie m\u00fchselig es in den 70ern und auch noch 80ern war einen Text zu vervielf\u00e4ltigen? Ich sage nur Spiritusmatritze. Und Heute? \u201eAch, das ist interessant, das hast Du doch bestimmt auf dem Rechner. Kannste mir das mal eben auf den Stick ziehen?\u201c<br \/>\nWas ist die Folge? Massig von Texten, die bereit liegen und Buchstaben, die unter der Spannung leben vielleicht schon in der n\u00e4chsten Sekunde gebraucht zu werden. Wurde fr\u00fcher eine Zeitung gedruckt und irgendwann hat man das Papier zum Ofen anz\u00fcnden verwendet, so wird heute alles Archiviert. Zeitungsausschnitte werden ins Netz gestellt, alte Ausgaben und Artikel werden in Online-Archiven gesammelt und jeder kann (je nach Verlag) diese kostenlos oder gegen einen kl. Obolus sich ansehen und auf seine Festplatte speichern. \u00dcberall lauern Dateien und Festplatten wo jeder Zeit ein Text aufgerufen werden kann. Vorbei sind die Zeiten, wo sich die Buchstaben nicht mehr um den Text in einer Zeitung scheren musste, weil diese verbrannt oder in den Abfall gelandet ist. St\u00e4ndig die Anspannung, irgendwo zum Teil nur f\u00fcr Sekunden gebraucht zu werden (Man denke da z.B. an die kurzen Mitteilungen, wie \u201eSie werden nun auf die angeforderte Seite weitergeleitet\u201c). Die Zeiten, das ein Buchstabe sich Jahrhunderte lang in einem gem\u00fctlichen Buch herumtreiben kann sind vorbei. Nichts mehr von der Beschaulichkeit, nichts mehr von der Ruhe. Gerade erst gelesen schon auf den Sprung zum n\u00e4chsten Text. Welch ein Aufatmen der Buchstaben, wenn ein Kind unter dem Weihnachtsbaum sagt: \u201eOh, ein Buch. Sch\u00f6n Danke.\u201c und es dann etwas zu desinteressiert weglegt.<br \/>\nAber immer noch gibt es die Menschen, die sich hinsetzen und ein Buch lesen. Eine wahre Stresssituation f\u00fcr die Buchstaben. Die bange Frage, wird man gerade nicht wo anders ganz dringend gebraucht? Kann ich es mir in der heutigen Zeit als Buchstabe eigentlich \u00fcberhaupt noch leisten, nur f\u00fcr ein Buch zu arbeiten? Nein, sie k\u00f6nnen es nicht. Dazu ist der Bedarf an Buchstaben viel zu sehr gestiegen. So sitzen die Buchstaben auf hei\u00dfen Kohlen und was sie gar nicht gebrauchen k\u00f6nnen, ist Eine\/Einer die\/der meint: \u201eOch, den Rest lese ich dann Morgen\u201c.<br \/>\nUnd hier machen sich die Buchstaben das Unterbewusstsein zu nutze. Tantram\u00e4\u00dfig wird dieses Bearbeitet. St\u00e4ndig bekommt das Unterbewusstsein schutzlos den Befehl <b>\u201eLIES\u201c<\/b> eingeh\u00e4mmert. Eben so lange, bis man dann am n\u00e4chsten Morgen als zerknittertes \u201eEtwas\u201c in die K\u00fcche kommt und alle verwarnt, das man ja nicht angesprochen wird vor dem ersten Kaffee, weil man gestern Abend ja noch das Buch zu Ende lesen <b>musste<\/b>.<\/p>\n<p>Den verehrten Leser und mitf\u00fchlenden Menschen m\u00f6chte ich bitten, diesen Text nicht auf die Festplatte zu speichern und den Artikel nach dem Lesen nicht wieder aufzurufen. G\u00f6nnen wir den leidgepr\u00fcften Buchstaben ein Problem weniger.<\/p>\n<p>Den verehrten Leser, der unverst\u00e4ndlich den Kopf sch\u00fcttelt, sei gesagt, das es manchmal halt etwas Ausartet, wenn ein zerknittertes \u201eEtwas\u201c herein kommt und verk\u00fcndet, das er am Abend das Buch noch zu Ende lesen <b>musste<\/b>. Und man selbst darauf nur spontan bemerkt, das dies ja auch wichtig sei, weil die Buchstaben ja heute wieder woanders gebraucht werden. Ja, genau mit dieser Situation hat das \u00dcbel hier seinen Verlauf genommen.<\/p>\n<p>Zu guter Letzt, weil gerade passend noch diesen kleinen innovativen Film:<\/p>\n<p><object width=\"480\" height=\"385\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/brAlzKHYFnA?fs=1&amp;hl=de_DE\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\"><\/param><embed src=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/brAlzKHYFnA?fs=1&amp;hl=de_DE\" type=\"application\/x-shockwave-flash\" allowscriptaccess=\"always\" allowfullscreen=\"true\" width=\"480\" height=\"385\"><\/embed><\/object><\/p>\n<p>Der Text hat \u00fcbrigens inklusive \u00dcberschrift 9396 Zeichen aus denen 1501 W\u00f6rter geformt wurden und mit Satzzeichen in eine lesbare Form gebracht wurden.<\/p>\n<p><u><b>Nachtrag:<\/b><\/u><br \/>\nGestern haben wir Scrabble gespielt und was musste ich bemerken? Auf zwei von den Buchstaben-Pl\u00e4ttchen stand nichts drauf, ganz leer. So weit ist der Engpass schon gekommen!<\/p>\n<p>(Damit erh\u00f6ht sich gerade die Zeichenanzahl auf 9672 und insgesamt 1541 W\u00f6rtern)<\/p>\n<p><u><b>Artikel als eBook zum Download:<\/b><\/u><br \/>\n<a href='http:\/\/gehirnsturm.info\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Notwendigkeit_Buch_lesen.epub'>\u00dcber die Notwendigkeit ein Buch noch zu Ende zu lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze am Fr\u00fchst\u00fcckstisch und dann kommt da ein zerknittertes \u201eEtwas\u201c rein und verk\u00fcndet: \u201eIch bin nicht ansprechbar, bis ich eine Tasse Kaffee getrunken habe. 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