Gustl Mollath – Eine ganz persönliche Bilanz

Foto: Ursula Prem Bearbeitung: Georg Slobodzian

Foto: Ursula Prem
Bearbeitung: Georg Slobodzian

Gustl Mollath vom „Verrückten“ in einem Jahr zum bekanntesten Ex-Psychiatrie-Insassen.

Die Geschichte ist für sich genommen schon einmalig. Nein Herr Mollath ist nicht der Erste, der sich Jahrelang gegen das System stellt. Viele haben weniger Glück und können unter einer Betreuung zum Spielball der Psychiater und der fremden Bevormundung werden. Dass dies in dem Fall nicht so war hat Herr Mollath dem Gutachten von Herrn Dr. Simmerl zu verdanken. So blieb er weiterhin Herr über die Entscheidung, was und ob er Medikamente einnimmt und welche Behandlungen er zustimmt.
Er wendet sich immer wieder an Personen, von denen er sich Gerechtigkeit erhofft. Und schließlich wird er auch erhört, mit dem Ergebnis das er nun nicht mehr in der Psychiatrie ist und so glaube ich nach dem Wiederaufnahmeverfahren auch wieder frei ist.

Er sieht aber nicht nur sich. Schon früh als er noch in der Psychiatrie eingesperrt war, kommentierte er auch andere Fälle. So berichtete er über seine Begegnung mit Ulvi Kulac und auch nach seiner Entlassung bleibt er rastlos. Wie es zum Jahresende in der Presse hieß, will Herr Mollath mit anderen einen Verein gründen, das Motto „Macht braucht Kontrolle, wirksame Kontrolle“.
Leider verwischt sich der Kern des Themas durch die Boulevardisierung des „Fall Mollath“. Da wird eine Bemerkung Mollaths bei einem Interview zur Schlagzeile quer durch die Presse hoch stilisiert. Wie etwa seine Bemerkung, das er immer noch Wohnungslos ist oder danach die Äußerung, das er schon mal übers Auswandern nachgedacht habe.
Liest man das Interview (das ich als erstes in dem Lapp/Braun-Blatt Nordbayerischer Kurier gesehen habe) so hört sich das alles ein wenig undramatischer an:

Wie stellen Sie sich denn Ihre weitere Zukunft vor?
Mollath: Wenn ich sehe, was in diesem Land abgeht, frage ich mich, ob ich länger in diesem Land bleiben möchte.

Was wollen Sie damit sagen?
Mollath: Ich habe mir mit 16 mal überlegt, auszuwandern. Das einzige vernünftige Land, das dafür in Frage kam, war Neuseeland. Mittlerweile bereue ich ein bisschen, dass ich mich mit 16 nicht dazu entschlossen habe, nach Neuseeland auszuwandern. Inzwischen befasse ich mich wieder ernsthaft mit der Frage.

(Quelle: Nordbayerischer Kurier – Mollath will auswandern)

Das der Nordbayerische Kurier es dennoch nicht lassen konnte sich dem (von Herrn Braun selbst so gescholten Mainstream) anzuschließen und den (wahrscheinlich) Klicks fördernden Titel „Mollath will auswandern“ zu verwenden. Dabei ist dieser Falsch. Wer hat nicht schon mal an „Auswandern“ gedacht? Ich jedenfalls auch schon einige male. Und mehr ist da derzeit noch nicht, wenn man sich die beiden Fragen der Nachrichtenagentur dpa dazu durchliest.
Auch vermute ich, das man den Hinweis auf die Wohnungslosigkeit auch anders verstehen kann. Ich für meinen Teil sehe darin eine Aussage des jetzigen Zustandes. Gustl Mollath ist vor Jahren seiner Heimat beraubt worden. Das Haus in dem er aufgewachsen ist, in dem er Jahre gewohnt hat wurde ihm entrissen. Er wurde in einem Käfig gehalten und nun ist er raus aus dem Käfig. Ist er nun Frei? Er sagt nein und er hat recht. Erst wenn die Wiederaufnahme abgeschlossen ist und ein neues Urteil mit all seinen Konsequenzen ergangen ist, wird er Frei sein können. So verstehe ich seine derzeitige Situation. Er kann sich noch kein neues Zuhause, eine Wohnung aufbauen. Es fehlt die Perspektive. Viele bieten ihm Hilfe. Einige Angebote für freies Wohnen in einer eigenen Wohnung sind darunter. Diese Angebote sind wie seine derzeitige Situation. Sie sind vorübergehend und er würde immer das sein, was er auch jetzt schon ist: Ein Gast. Und so verstehe ich seine Äußerungen zu seiner Heimatlosigkeit, dass er ohne Freunde unter Brücken schlafen müsste. Ihm fehlt es wohl nicht an einem Bett oder eine Wohnung. Was ihm fehlt ist eine Heimat, etwas, wo er seine Perspektive sieht. Und das kann er nur nach der Wiederaufnahme frei angehen.

Neben der Person Mollath gibt es noch die Unterstützer Mollaths und diejenigen, die etwas in die Person Mollath hinein projizieren wollen. Diese sehen zum großen Teil auch mehr, als nur den isolierten Fall „Mollath“. Leider sind einige enttäuscht über die für sie fehlende Reaktion der Person Mollath. Es ist verständlich und ich will auch nicht über diese Personen hier schreiben. Ich denke, dass diese Ihre Rolle in dieser Gesellschaft zu dem Thema auch unabhängig von Herrn Mollath persönlich finden werden.

Ich schweife mal kurz ab.
Wie ich es hier und in diversen Foren schon erläutert habe, betreue ich die sozusagen „offizielle Gustl Mollath webseite“ gustl-for-help.de seit Mitte November 2013. Nun, dort sehe ich mich als Dienstleister für Gustl Mollath und dem „Unterstützerkreis“. Die Seitenaktualisierungen mache ich unabhängig und nach eigenem Gutdünken. Ich bin davon überzeugt, das Herr Mollath in der Lage ist, mir seine Meinung zu sagen, wenn Ihm etwas nicht passt. Auch für mich ist der Fall Mollath mehr als die juristische Auseinandersetzung von der Person Mollath. Aber dies ist meine ganz persönliche Angelegenheit, die weder etwas auf der Webseite „gustl-for-help.de“ zu suchen hat, noch dass ich einen Anspruch gegenüber Herrn Mollath habe. Mich stört es nicht, dass ich keinen Kontakt zu Herrn Mollath habe. Unterstützung kann auch so von statten gehen. Und für den Rest habe ich andere Plattformen (wie diesen Blog hier) und Meinungsäußerungen, die mit Herrn Mollath (als Person) nichts zu tun haben.

Zurück zum Thema.
Politisch gesehen ist es aber schon interessant, wie Herr Mollath (meiner Meinung nach) benutzt wurde. Erinnert sich noch jemand an Martin Runge von den Grünen in Bayern? Ich will seinen Beitrag zum Aufrollen des „Justizskandal Mollath“ nicht schmälern. Aber auf seiner Webseite waren die letzten Einträge zur Landtagswahl in Bayern. Nichts mehr von dem Engagement, dass er noch für den alternativen Untersuchungsausschussbericht gezeigt hat. Nichts mehr von dem Engagement von Ihm, dass er bei vielen Auftritten vor der Wahl gezeigt hat. Er hat es nicht wieder in den bayerischen Landtag geschafft und man hat das Gefühl, er ist vom Erdboden verschluckt. Hier wollte ich zur Veranschaulichung auf die Webseite von Herrn Runge verweisen, aber pünktlich zum Jahreswechsel hat er auch diese vom Netz genommen (gestern noch aufrufbar und heute Morgen noch ein Hinweis darauf, das eine neue Internetpräsenz entsteht, ist sie nun gar nicht mehr zu finden):

Webseite Martin Runge

Es ist so, als ob ein Engagement gar nicht stattgefunden habe. So als ob ein persönliches Einsetzen für einen anderen Menschen ohne Landtagsmandat nicht mehr möglich ist.
Das Beispiel Herr Runge soll nur als eines von mehreren hier aufgezeigt. Auch andere Politiker zeigen inzwischen ein recht erstaunliches Desinteresse. Aber den Vogel hat meiner Meinung nach Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die ehemalige Bundes-Justizministerin abgeschossen. So erklärt sie gegenüber dem „Legal Tribune Online“ (LTO) folgendes:

LTO: Welche Themen lagen Ihnen noch besonders am Herzen, die Sie gerne in einer weiteren Amtszeit umgesetzt hätten?

Leutheusser-Schnarrenberger: Wir hatten Reformüberlegungen zum Recht der Unterbringung vorgelegt, mit denen die Unterbringung einer strengeren und häufigeren Kontrolle unterworfen werden sollte. Damit haben wir auch auf den Fall Gustl Mollath reagiert. Hier hätte ich gerne meine Vorstellungen in die Praxis umgesetzt und damit dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz in der Unterbringung das ihm angemessene Gewicht verliehen.

(Quelle: Legal Tribune Online – Leutheusser-Schnarrenberger zum Ende ihrer Amtszeit: „Nach Mollath hätte ich gern die Unterbringung reformiert“ [Seite 2])

Sie hätte also gerne in einer weiteren Amtszeit Reformen für die Unterbringung vorgelegt. Wir erinnern uns, Frau Leutheusser-Schnarrenberger war ab 2009 bis Ende 2013 wieder Justizministerin in der letzten Bundesregierung. In dieser Zeit fällt auch die Neuregelung des Therapieunterbringungsgesetz (ThUG), das am 1.1.2011 (also mitten in Ihrer Regierungsperiode) in Kraft trat und eine (Menchenrechtsverachtende) Reaktion auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) vom 17.12.2009 war. Also ebenfalls während der Amtsperiode von Frau Leutheusser-Schnarrenberger. Dies schien sie nicht zu stören. Ebenso schien sie in der laufenden Amtsperiode auch keinen Handlungsbedarf zu sehen, um mehr als „Reformüberlegungen“ anzustellen. Es ist schon erstaunlich, wenn man sich sein restliches politisches Leben auf eine mutige Entscheidung ausruhen will.

Um den Bogen wieder zurück auf das persönliche Fazit oder Zwischenbilanz zu schlagen möchte ich die Aufmerksamkeit auf die letzte „Anmerkung der Verteidigung vom 30.12.2013“ (PDF, 17,6 KB) lenken. Dort schreibt Herr Strate mal nicht über die juristischen Belange des „Fall Mollath“. Dort heißt es zur Person Mollath:

Wer erwartet, Mollath möge sich doch möglichst bald wieder in der Normalität einrichten, hat ihn nur aus der Ferne betrachtet und nicht verstanden.
In diesem Unverständnis spielen natürlich eigene Interessen eine Rolle. Denn nicht nur Justiz und Psychiatrie, auch selbsternannte Unterstützer wünschen sich ein stromlinienförmig-ideales Justiz-, Gender-, Psychiatrie-, Politik- & Bankenopfer, das eine vielseitige Projektionsfläche für ihre eigenen Anliegen bietet. Da Gustl Mollath aber noch nicht einmal ein idealer Mandant ist¹, wird er für den Rest schon gar nicht taugen.
[…]
¹ Er wird mir diese Bemerkung nicht verargen.

(Quelle: Gerhard Strate – Anmerkung der Verteidigung vom 30.12.2013 [PDF, 17,6 KB])

Es hört sich fast wie eine Bestätigung meiner eigenen Bilanz mit weniger Worten an. Und die Misstrauischen, die misstrauisch auf die Manschettenknöpfe von Herrn Strate schielen, sei zum Trost gesagt, auch er hat mit der „Person Mollath“ zu kämpfen.

Mit diesem schon fast Ausblick lasse ich den Artikel nun so stehen.

Anmerkung:
Das hier überarbeitete Bild von Ursula Prem habe ich evtl. als ein Symbol, ja eine Art Logo gedacht. Den Spruch „Macht braucht Kontrolle – wirksame Kontrolle“ habe ich noch nachträglich dazu eingebunden. Ob sich diese „Dattel-Orange“ dafür eignen weiß ich nicht. Mich hatte es schon kurz nach der Freilassung von Herrn Mollath gereizt. Als ich das Bild von Frau Prem in dem Blog „Ein Buch lesen“ gesehen habe (Gustl Mollath: Weißbrot, Käse, Kaffeesatz – die Freitagskolumne von Ursula Prem), war dies dann später meine Vorlage für die Bearbeitung. Die „Dattel-Orange“, eigentlich ja 2 Pflanzen hat für mich seine Bedeutung dahingehend, das Sie eine Perspektive zeigen. Trotz seiner Lage hat Herr Mollath zwei Pflanzen aus Samen aufgepäppelt und auch nach seiner Freilassung nicht im Stich gelassen. Es steht für mich auch für eine Zeit nach der schwebenden Situation jetzt. Frei nach dem Spruch „Würde morgen die Welt untergehen, ich würde heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.
Hat es die Qualität zu einem Symbol? Ich weiß es nicht und es liegt auch nicht in meiner Entscheidung.
Ich danke Frau Prem, das Sie mir die Nutzungsrechte für das Bild (somit der Überarbeitung) zu Verfügung gestellt hat.

(Die Links können vorerst mal im Text heraus genommen werden. Wenn ich wieder etwas Zeit habe, werde ich die Linkliste noch nachreichen)
(Update:
Nun ist sie da, die Linkliste)

Links:

Aus dem Beitrag (in Reihenfolge der Einarbeitung ohne den Verweis auf den eigenen Artikel):

Eigene Artikel zum Thema Mollath

Weitergehende Infos zum Thema Mollath:

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2 Antworten auf Gustl Mollath – Eine ganz persönliche Bilanz

  1. Hallo Gaston, gut, Ihr öffentliches pro-Mollath-Engagement. Und noch besser, wenn Sie was früher Nebensätze mit „daß“ einleitete, entweder dies auch praktisierten oder, wenn nicht, dann wenigstens „dass“ schrieben, weil eins gar nicht geht: „das“, Gruß;-) Sepp.

  2. Fotobiene sagt:

    Ein frohes neues Jahr, lieber Gaston!

    Sehr herzlichen Dank für diesen empathischen Beitrag, den ich so unterschreiben kann!
    s.a.
    http://gabrielewolff.wordpress.com/2013/12/28/der-fall-mollath-die-irrwege-der-psychiatrie-3/comment-page-1/#comment-31159

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